Freitag, 31. März 2017

2 Laender, ein Contest, und die Frage, wer hier eigentlich wen bestraft?

Ein Kommentar zur Situation zwischen Russland und der Ukraine beim
Eurovision Song Contest.
Wie jeder weiß bin ich ein großer Fan vom Eurovision Song Contest. Seit 2010 schaue ich die Semi- und Grand Finals, kaufe die CD's und seit 2013 vote ich sogar aktiv mit. Was mir neben der Musik und der verschiedenen Sprachen so gut am Contest gefällt, ist der Grundgedanke, unter dem er ins Leben gerufen wurde: Wir sind alle eins, jeder ist willkommen und Musik ist eine Sprache, die wir alle sprechen. Sowas spricht mich persönlich an und so freue ich mich jedes Jahr auf die Veröffentlichung der Songs, des Artworks und des Slogans.

Doch dieses Jahr ist einfach der Wurm drin. Und das liegt am Gastgeberland, der Ukraine, und an Russland. Die Situation rund um die russische Teilnahme auf ukrainischem Boden ist verfahren und einfach unglaublich politisch. Und das soll der Contest ja überhaupt nicht sein. Deswegen möchte ich jetzt nicht nur den Weg aufzeigen, den alles bis zum heutigen Tag genommen hat, sondern auch einige meiner Gedanken aussprechen, die mir dazu durch den Kopf gehen.

März 2016 - Die Ukraine gibt bekannt, das Jamala  mit "1944" am Contest in Stockholm teilnimmt

14. Mai 2016 - Jamala gewinnt den Eurovision Song Contest Stockholm 2016

15. Mai 2016 - Russland protestiert gegen den Sieg der Urkaine

12. September 2016 - Urkaine gibt "schwarze Liste" bekannt

November 2016 - Russland bestätigt seine Teilnahme am Eurovision Song Contest KYIV 2017

31. Januar 2017 - EBU gibt Slogan und Artwork bekannt

11. März 2017 - Russland wählt Julia Samoilowa als Vertreterin für Russland

22. März 2017 - Die Urkaine spricht ein Einreise-Verbot gegen die russische Sängerin aus

24. März 2017 - Vermittlungsvorschlag der EBU wird abgelehnt

Seitdem - Die EBU sucht intern nach einer Lösung
(Anmerkung: Die Datumsangaben beziehen sich auf Artikel aus unterschiedlichen Quellen, die das jeweilige Thema behandeln, weswegen ich nicht dafür garantieren kann, das alles auf den Tag genau stimmt.)

Eigentlich hat das ganze Dilemma schon mit dem Song "1944" angefangen. In diesem Lied thematisiert die Sängerin Jamala die Deportation der Krim-Tartaren zu Zeiten Stalins. Nochmal zur Erinnerung: politische Themen gehören nicht in den Eurovision Song Contest. Allerdings beteuerte Jamala, diesen Song eher über ihre Großmutter zu singen, die zu jener Zeit dabei war. Nachdem die EBU dem ganzen grünes Licht gegeben hatte, schien erstmal alles ok und vor allem unproblematisch zu sein.

Das dieses Lied wirklich den Eurovision Song Contest gewonnen hat, war natürlich eine Überraschung, war der Stil doch etwas ungewöhnlich und nicht an der westlichen Pop-Musik orientiert, die noch im Vorjahr die trophäe geholt hat. Die Performance war stark und emotional, so entschied Europa, die Sängerin dafür zu belohnen. Das letzte Mal hatte die Ukraine den Wettbewerb 2005 ausgetragen, als Ruslana mit "Wild Dances" im Vorjahr gewann. Und ich persönlich gönne jedem Land einen Sieg (selbst Schweden 2015, obwohl das Lied für mich viel zu mittelmäßig war).

Jedoch hatte Russland kaum 24 Stunden nach dem großen Finale in Stockholm die Nerven, den Sieg der Urkaine zu beanstanden und zu sagen, sie hätten Russland den Sieg gestohlen (Russland hat den Contest 2009 ausgetragen, das einzige Mal bisher). Allerdings ist das für mich totaler Unsinn, da es in der Gesamtwertung anders aussah:
Man kann also sehen, das, selbst wenn der Ukraine der Sieg aberkannt werden würde, Australien immer noch dazwischen wäre. Natürlich kann man diese Situation vielleicht auch dem neuen Punktesystem zuschreiben, nachdem Russland im Televoting auf Platz 1 lag. Aber es zählen halt auch die Jury-Punkte, weswegen der Song auf den dritten Platz rutschte. Und wir deutschen waren zum zweiten Mal hintereinander auf dem letzten Platz (zwar diesmal mit 11 statt 0 Punkten, aber das macht auch keinen großen Unterschied). Noch nicht mal wir haben so einen Aufriss gemacht (obwohl es auch viel Unmut darüber gab). Somit ist der Sieg fest. Und die Ukraine ist Ausrichter für 2017. Nach langer Phase wurde Kiew erneut als Austrageort gewählt (Das ganze hat ziemlich lange gedauert, vor allem, da die Bekanntgabe immer wieder verschoben wurde).

Das die Ausrichtung des Contest in der Ukraine nicht ganz rund läuft und die EBU nicht nur Plan B, sondern auch C, D, und E aus dem Hut zaubern musste, ist zwar sehr ärgerlich (weil man das Gefühl hat, das der Contest drunter leidet), ist für die Situation aber eher irrelevant (auch wenn ich finde, das es bisher noch nie so viele Probleme im Vorfeld eines Contests gab, seit ich 2010 mit schauen angefangen habe).

Das durch die Annexion der Kirm böses Blut zwischen Russland und der Ukraine herrscht, ist ja inzwischen allgemein bekannt. Und das ist eine höchstpolitische Angelegenkeit. Und somit überhaupt nicht dafür gedacht, Teil des Eurovision Song Contest zu sein. Jedoch ist genau dies der Grund für die Ukraine, die Russen aus dem Land halten zu wollen. Deswegen hat die Ukraine bereits im September letzten Jahres eine schwarze Liste veröffentlicht, auf der russische (und auch nicht-russische) Künstler (die sich positiv für Russland aussprechen) aufgelistet sind, denen eine Einreise in die Urkaine verwehrt ist. Wer genau auf der Liste ist, weiß ich nicht und interessiert mich auch nicht, es ist einfach nur ein Versuch der Ukraine gewesen, Russland zur Absage zu bewegen.

Wie wir aber wissen, ist diese Rechnung nicht ganz aufgegangen. Denn zwei Monate später bestätigte Russland seine feste Teilnahme am Event. Zwar noch ohne Künstler, aber die Intention, dabei sein zu wollen, war da. Es wirkte Zeitweise, als könnte der diesjährige Eurovision Song Contest stattfinden, wie immer. Mein persönlicher Höhepunkt war die Bekanntgabe des offiziellen Mottos und des Artworks zum diesjährigen Contest. Es handelt sich die Darstellung einer ukrainischen Perlenkette, die eine kulturelle Bedeutung im Land selbst hat. Diese wird unterstützt vom Slogan CELEBRATE DIVERSITY. Mir gefällt das Logo + Slogan sehr gut und ich freue ich eigentlich schon jetzt auf die Veröffentlichung der CD am 28. April. Ich habe sogar schon einige Favouriten, deren Songs ich sehr mag.

Während immer mehr Künstler für den Contest zusammenkamen, wählte auch Russland eine Sängerin für sich: Julia Samoilowa. Durch eine Krankheit an den Rollstuhl gebunden, war es schon immer ihr Traum, beim ESC zu singen. Das eine Reaktion aus der Ukraine kommen wurde, war natürlich klar. Allerdings war diese eher eine Kampfansage. Denn die Ukraine (oder mehr deren Geheimdienst) haben Samoilowa genau überprüft. Dabei kam heraus, das die Sängerin 2015 auf der Krim aufgetreten ist (also nach der Annexion, nach der in der Ukraine entsprechende Gesetze gemacht wurden). Laut besagten Gesetzen ist es mit Einreiseverbot zu ahnden, über Russland auf die Krim zu reisen oder dort eine pro-russische Einstellung zu vertreten. Somit hat das Land kurzerhand erklärt, Samoilowa die Einreise zu verwehren und somit Russlands Act einem Riegel vorzuschieben.

Executive Supervisor Jon Ola Sand
Praktisch sofort sind Stimmen laut geworden, die unter anderem der Meinung sind, das Russland um diesen Umstand gewusst haben musste und gezielt Samoilowa gewählt zu haben, um diesen Konflikt zu provozieren. Und die Ukraine ist natürlich drauf eingestiegen. Ich bin selbst Mitglied in einer ESC-News-Gruppe auf Facebook, in der sich jeder langsam lustig macht über diesen Kindergarten. Nicht nur einmal hat jemand nach Popcorn gefragt, um dieses Drama zu genießen. Weil keiner versteht, warum diese beiden sich unbedingt den Contest als Bühne genommen haben.

Da die EBU den Wettbewerb friedlich gestalten möchte, schlug man vor, die Russin per Live-Schaltung auftreten zu lassen. Schließlich wolle man die Gesetze des Gastgeberlandes respektieren, egal, wie unmenschliche diese auch seien mögen. Allerdings entspräche diese Lösung überhaupt nicht dem Gedanken des ESC. Eher das Gegenteil. So ist es kein Wunder, das beide Seiten den Vorschlag ablehnten. Die Ukraine sagte dazu, das auch diese Art von Auftritt ein Verstoß gegen etwaige Gesetze wäre. Jetzt sucht die EBU weiterhin händeringend nach einem Weg, das Russland trotzdem mitmachen kann. Obwohl sich laut deutscher ESC-Seite eher ein Ausstieg des Landes abzeichnet. Die EBU hat erstmal beschlossen, intern nach einer Lösung zu suchen, da in der Öffentlichkeit bisher nichts wirklich gefruchtet hat.

Soweit die Situation im Moment.

ICH DENKE DARÜBER:
Es ist eine Schande, einen internationalen Musikwettbewerb und eine behinderte Frau mit einem Traum dazu zu missbrauchen, seine dreckige Wäsche in aller Öffentlichkeit zu waschen. Beide Seiten sind überhaupt nicht an einer Lösung interessiert, sie wollen sich einfach nur mit Dreck bewerfen! Und zwar um jeden Preis! Das das auf dem Rücken des Eurovision Song Contest passiert ist einfach kindisch. Zwei Kinder, die sich kratzen, beißen und hauen, weil sie sich nicht einigen können, bzw. wollen. Und die EBU hat nicht wirklich die Eier, dazwischen zu gehen. Samoilowa war für Russland eigentlich nur Mittel zum Zweck, die Urkaine zu provozieren. Und die Ukraine hat unmenschliche Gesetze erlassen, die für diese zwar zum Schutz seien sollen, aber in diesem Fall mehr kaputt machen, als sie beschützen.

Wäre ich ein hohes Tier bei der EBU, würde ich auf den Tisch hauen und beide Länder vor eine Entscheidung stellen: Entweder sie lassen ihren politischen Kram aus dem ESC heraus, oder sie sind nicht länger willkommen. Ich bin sowieso dafür, das sowohl Russland als auch die Ukraine für den nächsten Contest ausgeschlossen werden, als Strafe dafür, das sie in diesem Jahr so viel Streit angezettelt haben. Denn in diesem Streit, bei dem es eh nur Verlierer gibt, ist keiner besser als der andere. Die EBU sollte besser wissen, wie man einen unpolitischen Wettbewerb von solch politischem Gewäsch befreit. Denn was gerade passiert ist überhaupt nicht im Sinne von CELEBRATE DIVERSITY, sondern im Sinne von CELEBRATE INCOMPETENCE. Und nachdem so eine in über 60 Jahren ESC-Geschichte noch nie da gewesene Situation passiert ist, sollte die EBU außerdem bedenken, bei der Bewertung eines Beitrages (ob dieser jetzt politisch ist oder nicht) vielleicht dreimal hinzuschauen und hinzuhören, bevor sie alles durchwinken und damit quasi ins offene Messer laufen.
Ich habe keine Ahnung von Politik oder was noch in der Geschichte zwischen diesen beiden Ländern geschehen ist. Und ich möchte auch keine Partei für irgendwen ergreifen. Es geht mir einfach nur darum, das der Eurovision Song Contest ein internationaler Musikwettbewerb bleibt, bei dem es nicht um Politik geht, sondern um Musik. Das ist meine Meinung und dazu stehe ich auch.







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